10 gute Gründe für Medienfasten

Wer will Medienfasten?

1. Bessere Wahrnehmung der Umwelt und der realen Welt anstelle der virtuellen

Menschen, die sich eine Zeitlang auf Medienfasten eingelassen haben, berichten übereinstimmend, dass sie ihre Umwelt viel bewusster wahrgenommen haben. Sie hatten einen geschärften Blick auf die Natur, die Landschaft, den Verkehr, und vor allem auf Menschen in ihrem Umfeld. Aber auch Geräusche – vom Vogelzwitschern bis zum Kindergeschrei – wurden deutlicher gehört als zu Zeiten, in denen Augen und Ohren gebannt am Smartphone hingen. Manches, was man vorher gar nicht oder erst verspätet mitbekommen hatte – der Unfall in unmittelbarer Nähe, der Regenbogen oder die Umschaltung der Ampel –  wird plötzlich hautnah erlebt.

Die intensivere Wahrnehmung der Umwelt bedeutet aber nicht, dass alles um uns herum schöner oder besser ist als in der virtuellen Umgebung. Im Gegenteil. In der Welt der Medien wird vieles beschönigt, „reingezeichnet“ und mit Hilfe von „Photoshop“ perfektioniert, was es in der Realität so nicht gibt: das durchgestylte Model, der Sportler mit idealem Body-Maß-Index, der allwissende Super-Champion, die Traumfamilie im Urlaubsparadies. Aus diesem Perfektionismus wachsen Erwartungen und Ansprüche an sich selbst, die oft zu Enttäuschungen, Frust und enormem Stress führen können. Durch Medienfasten ließe sich dieser enorme Druck reduzieren.

2. Bessere Gesundheit

In Deutschland steigt die Anzahl der Kinder, die an Fettleibigkeit leiden, sich über Augenprobleme oder Haltungsstörungen beschweren und süchtig nach Medien sind. Ein Medienfasten würde genau gegen diese Probleme ankämpfen.

Man muss nicht erwähnen, dass Aktivitäten an der frischen Luft gerade im Entwicklungsalter äußerst wichtig für Heranwachsende sind. Auch ist es nachgewiesen, dass ein direkter Medienkonsum vor dem Einschlafen (Fernsehen oder aufs Handy schauen bspw.) einen unruhigeren Schlaf auslösen können.

Besonders alarmierend ist der Zusammenhang zwischen Sucht und Depressionen. Wer von sozialen Medien abhängt, hat ein deutlich höheres Risiko, an einer Depression zu erkranken. 

Experten stufen Online-Sucht inzwischen als Krankheit ein, die viele Probleme, wie Unzufriedenheit, Einsamkeit und Konzentrationsschwäche, mit sich bringt.

3. Mehr Zeit

Häufig beklagt man sich, dass der Tag zu kurz sei, dabei verschwendet man enorm viel Zeit auf Medien. Mehrfach in der Stunde greifen wir zu unserem Handy und schauen nach, ob es Neuigkeiten gibt (siehe hierzu auch Punkt 9). Zahlreiche Jugendliche sitzen teils Stunden lang in dunklen Zimmern an der Konsole – Stunden, die man effizienter nutzen könnte.

Für viele gestresste, vielleicht schon vor einem „Burnout“ stehende Menschen heißt das erlösende Zauberwort „Entschleunigung“. Wir werden auf unzähligen Kanälen mit Informationen überflutet: Newsletter, Nachrichtenportale, Social Media Kanäle, Wikipedia, E-Mails, Apps, Zeitungen, Radio, TV … Je mehr Informationen auf uns einprasseln, desto weniger Zeit haben wir, diese zu verarbeiten. Und desto schmerzhafter das Gefühl, dass die Zeit rast.
In dieser Situation hilft es, öfter offline zu sein. Schon einige Stunden, in denen alle Kanäle mal abgeschaltet sind und wir nicht mit Informationen bombardiert werden, können zum Stress-Abbau beitragen.

4. Rückbesinnung auf traditionelle Tugenden

Die durch Medienverzicht gewonnene Zeit kann für Dinge genutzt werden, die uns zwingen, uns nicht nur schnell und oberflächlich, sondern intensiv und im Detail mit bestimmten Themen, Aufgaben und Problemen auseinanderzusetzen.

Das Lesen eines guten Buches, das Schreiben persönlicher Briefe oder auch das ausgiebige Gespräch mit uns nahestehenden Menschen können wieder Raum in unserem Leben finden.

All diese Aktivitäten fördern nicht nur unseren Intellekt, sondern – bei dauerhafter Ausübung – auch die Sprachentwicklung, angefangen bei einem größeren Wortschatz und besserer Rechtschreibung bis hin zu einer differenzierteren und gepflegteren Ausdrucksweise als sie in SMS und Chats mit ihren vielen Abkürzungen und Simplifizierungen üblich ist.

5. Strom sparen

Es gibt Studien, die zeigen, dass ein Jugendlicher circa 157 Euro im Jahr nur durch Stromverbrauch für PC, X Box etc. ausgibt. In einer Zeit, in der intensiv über Klima- und Umweltschutz geredet wird und viele Jugendliche, die sich in der „Friday-for-Future“-Bewegung engagieren, nach ihrem persönlichen Beitrag zur Energieeinsparung gefragt werden, sollte sich jeder fragen, ob Medienfasten nicht ein geeigneter Anfang sein könnte, um hier mit gutem Beispiel voranzugehen.

Von den Kosten, die durch immer neue Smartphones und teure Mobilfunktarife entstehen und die manche Benutzer, vor allem Jugendliche, in eine Schuldenfalle treiben, sei hier nur am Rande die Rede. 

6. Festigung der eigenen Persönlichkeit

Denken wir heutzutage überhaupt noch selbstständig oder wird uns unsere Meinung durch Medien nur noch eingetrichtert? Google kennt uns erschreckenderweise besser als wir uns selbst kennen, es schlägt uns individuell-abgestimmte Werbung vor, was sicher Vorteile bringt, aber wir sind dadurch auch immer in der gleichen Blase gefangen und verlernen, über den Tellerrand hinauszuschauen und eigenständig zu denken.

Besonders sorgen sollten wir uns, dass die Meinungsbildung im Netz durch sog. Bots, also automatisch generierte Beiträge, manipuliert wird.  Von einem „Social Bot“ spricht man, wenn dabei so getan wird, als stecke hinter dem Account eine echte Person. Social Bots haben dann oft Profilbilder von jungen hübschen Menschen und versuchen, zum Beispiel auf Facebook, mit echten Personen befreundet zu sein.

Wer sich solchen Einflüssen eine Zeit lang völlig entziehen will, kann dies durch Medienfasten erreichen. Nur durch Unabhängigkeit von der Meinung und den Einflüssen anderer kann sich eine eigene Identität entwickeln, worin Psychologen eine der Voraussetzungen für eine erfolgreiche Entwicklung der Persönlichkeit sehen. „Auch wenn wir stets durch unser Umfeld geprägt werden, sollten wir eine gewisse Autonomie bewahren, durch die wir unsere einzigartige, unersetzbare und dadurch auch erfolgreiche Identität ausbilden können – dabei ist es vor allem wichtig, auf die innere Stimme zu hören und mutig eigenen Impulsen zu folgen.“ (https://diepsyche.de/persoenlichkeitsentwicklung/).

7. Mehr Pünktlichkeit

Ob die jederzeitige Erreichbarkeit von Menschen unseres Umfeldes Fluch oder Segen ist, hängt von der jeweiligen Situation ab. Wenn sich ein Termin verschiebt, der Zug Verspätung hat oder wir aus anderen zwingenden Gründen eine Verabredung nicht pünktlich einhalten können, ist es sicher hilfreich, wenn wir demjenigen, der auf uns wartet, eine SMS oder WhatsApp-Nachricht schicken und unsere voraussichtliche Ankunftszeit avisieren können. Aber verführt nicht gerade dieser Service auch zur Unpünktlichkeit, zum lässigen Umgang mit der Uhr? Es macht ja nichts, wenn wir uns – aus welchen Gründen auch immer – verspäten, mit wenigen Klicks können wir uns exkulpieren. Bestände diese Möglichkeit nicht, wäre der Zwang zur Pünktlichkeit wahrscheinlich deutlich größer. Gerade Jugendliche sollten lernen, auch als Vorbereitung auf das spätere Berufsleben, pünktlich zu erscheinen und Termine einzuhalten. Eine SMS sollte dabei nicht als Zeit-Puffer dienen.

8. Bessere Konzentration

Jeder kennt die Situation: Da will man in Ruhe arbeiten, doch die Verlockung, kurz auf sein Handy zu schauen oder den Eingang neuer Mails zu prüfen, ist groß. Bereits ein nebenbei laufender Fernseher verringert das Konzentrationsvermögen und die Aufnahmefähigkeit enorm. So schön Online-Lernen auch ist, so schnell ist auch die Ablenkungsgefahr, wenn uns beispielsweise in der YouTube-Leiste ein nächster Videovorschlag angezeigt wird.

Gehirnforscher führen den Anstieg von Überforderung, Kopfschmerzen, ADHS, psychischen Erkrankungen und Konzentrationsstörungen bei Kindern auf die wachsende Dauer-Nutzung digitaler Medien zurück.

Bei der Viel-Nutzung von Medien, also nicht nur Internet, sondern auch Fernsehen oder Spielekonsolen, werden bestimmte Gehirnbereiche überanstrengt, andere hingegen kaum oder gar nicht genutzt. Medienkritiker werden nicht müde, vor den Gefahren einseitig-intensiver Dauer-Mediennutzung zu warnen, und empfehlen Medienfasten.

9. Man verliert die Angst, etwas zu verpassen

Heutzutage verspüren wir den Drang, über alles informiert zu sein, wir wollen auf keinen Fall etwas verpassen und Gefahr laufen, nicht mitreden zu können. Im Durchschnitt sind Jugendliche nach eigenen Angaben 221 Minuten pro Tag online – also fast vier Stunden. Diese Zeit verbringen sie größtenteils am Smartphone. YouTube, WhatsApp und soziale Netzwerke wie Instagram sind dabei besonders beliebt.

Kommunikation macht den größten Teil der Smartphone-Nutzung bei Jugendlichen aus, gefolgt von Unterhaltungsangeboten, und auch digitale Spiele werden am liebsten auf dem Handy gespielt. Häufig merkt man gar nicht, dass man so am Tag mehrere Stunden lang am Smartphone hängt. Das liegt auch daran, dass man es immer dabei hat und so jederzeit darauf zugreifen kann. Außerdem gibt es ständig neue Inhalte auf Instagram, Facebook, You-Tube und Co. Dabei entsteht schnell die sog. „FOMO“. FOMO steht für „fear of missing out“, also die Angst, etwas zu verpassen. Deshalb starrt man ständig auf das Smartphone, will immer erreichbar sein und alles mitbekommen. Viele soziale Medien nutzen diesen Effekt sogar, um weiter zu wachsen, indem sie E-Mails versenden, die gezielt auf genau dieses Verpassen anspielen.

Menschen, die sich bereits auf Medienfasten eingelassen haben, waren sich einig, dass man diese Angst jedoch mit der Zeit ablegt. Es handelt sich dabei nur um einen zusätzlichen Stressfaktor, auf den es sich verzichten lässt.

10. Intensivere Kommunikation

Das „Chatten“ ist nicht nur bequem und zu fast jeder Tages-und Nachtzeit möglich, es ersetzt leider inzwischen immer mehr das persönliche Gespräch. Doch leistet die Online-Kommunikation wirklich das Gleiche wie ein Vier-Augen Gespräch? In Medien geht es eher schnell und oberflächlich zu. Wir teilen uns viel Triviales mit, zeigen aber nicht unbedingt unsere echten Gefühle. Wenn wir überhaupt nachdenken, so höchstens über die passende Formulierung sowie darüber, was wir sagen und was wir lieber verschweigen wollen. So manches Mal drücken wir schnell auf einen Emoji, der gar nicht unbedingt unsere Gefühlslage wiederspiegelt.

Wenn man Jugendliche befragt, tauschen diese lieber fünfzig Sprachnachrichten aus, als miteinander zu telefonieren. Es hat sich in den letzten Jahren eine Art Panik vor der direkten Kommunikation entwickelt, dabei ist diese sehr wichtig. Mehr persönliche Kommunikation verhindert die Vernachlässigung des Partners und festigt Freundschaften, weil es zu mehr Empathie-Vermögen führt.

A. Wer will Medienfasten?

So einleuchtend die Argumente für (zeitweises) Medienfasten sein mögen, so stellt sich doch auch gleich die Frage, wer sich auf einen solchen Verzicht – denn Fasten bedeutet ja  immer bewussten Verzicht – einlassen will. Im Grunde sehe ich drei Gruppen:

1. Eltern mit Kindern

Eltern können viel dazu beitragen, dass ihre Kinder lernen, Medien kompetent zu nutzen. So empfiehlt die Initiative „SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht“, [1] mit den Kindern klare Regeln bei den Medienzeiten zu vereinbaren. Als Orientierung gilt: Jüngere Kinder bis fünf Jahre sollten nicht länger als eine halbe Stunde, ältere Kinder bis neun Jahre bis zu einer Stunde täglich vor dem Bildschirm verbringen – ob TV, Games oder Internet – bei Kindern ab zehn Jahren können Eltern auch ein Zeitkontingent pro Woche bis zu neun Stunden vereinbaren, das sie sich selbstständig einteilen.
Eine weitere Faustregel besagt: Pro Lebensjahr 10 Minuten Medienzeit pro Tag oder eine Stunde pro Woche sind genug. Ein Mediennutzungsvertrag kann dabei helfen, die Regeln gemeinsam festzulegen.

Vor allem können Eltern zeigen, dass sie sich den Alltag nicht von Medien bestimmen lassen: Dazu gehört, berufliche Telefonate und Mails nicht während der Freizeit zu beantworten, gerade während man aktiv Zeit mit dem Kind verbringt, und die Freizeitplanung nicht nach dem Fernsehprogramm auszurichten.

Generelle Fernseh- oder Computerverbote, womöglich als Bestrafung gedacht, sind dabei ebenso abzulehnen wie die (zusätzliche) Erlaubnis zur Mediennutzung als Belohnung oder weil es bequem ist und Eltern dann ihre Ruhe haben. Untersuchungen haben gezeigt, dass Eltern mit niedrigerem sozioökonomischen Status eher dazu neigen, Bildschirmgeräte als Beziehungsersatz zu verwenden, um ihre Kinder zu beschäftigen, ohne Kenntnis der Medieninhalte. Demgegenüber sind Eltern mit höherem sozioökonomischen Status besser in der Lage, sich für Medieninhalte zu entscheiden, die der kindlichen Entwicklung dienen oder zumindest weniger schaden können.


(1) „SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht“ ist eine gemeinsame Initiative des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, von Vodafone, der beiden öffentlich-rechtlichen Sender Das Erste und ZDF sowie der Programmzeitschrift TV SPIELFILM. Die bundesweite Initiative unterstützt seit 2003 Eltern und Erziehende dabei, Kinder zwischen drei und 13 Jahren im Umgang mit Medien zu stärken.

2. Erwachsene Einzelpersonen

Besonders während der Fastenzeit, also zwischen Aschermittwoch und Ostern, entscheiden sich manche Menschen zum bewussten Verzicht, wobei sich das Fasten auf Nahrung im Allgemeinen oder auf bestimmte Lebensmittel im Besonderen, auf Nikotin oder Alkohol, aber zunehmend auch auf Medienkonsum erstrecken kann. Oft erfolgen solche Rituale mit Blick auf ein höheres Ziel, nämlich geistige Reinigung. Dafür ist meist nicht ein religiöses Motiv ausschlaggebend, sondern der Wunsch, frei und selbstbestimmt sein zu wollen.

Zunehmend wird die eigene Unerreichbarkeit auch als Luxus gesehen und soll von Anderen ebenso wahrgenommen werden. Wer es sich leisten kann, über einen längeren Zeitraum das Handy abzuschalten und Mails nicht zu beantworten, muss in irgendeiner Weise wichtig und unabhängig sein.

3. Unternehmen

Das schlechte Gewissen, das manche Angestellten haben, wenn sie dienstliche Telefonate ignorieren und geschäftliche E-Mails nicht lesen, obwohl sie doch eigentlich erreichbar sein könnten, lässt sich manchmal auch mit rationalen Argumenten nicht ablegen. Hier kann es sinnvoll sein, sich selbst im E-Mail-Postfach ab 19 Uhr eine Abwesenheitsnotiz einzutragen, mit dem Vermerk, dass Mails am darauffolgenden Tag gelesen werden, wenn das Büro wieder geöffnet ist. Diensthandys können mit einer gleichlautenden Ansage der Mailbox und anschließender Abschaltung ohne schlechtes Gewissen fit für den Feierabend gemacht werden.

Zunehmend gehen auch viele Chefs inzwischen dazu über, den Zugang zu den Mail-Accounts ihrer Mitarbeiter nach Büroschluss zu sperren, um übereifrigen Angestellten den Druck des scheinbaren Erreichbar-Sein-Müssens zu nehmen. Entscheidend ist, dass dieses Verhalten Mitarbeitern und Geschäftspartnern gegenüber transparent kommuniziert wird, um Missverständnisse zu vermeiden. Eine gesunde Work-Life-Balance ist schließlich ein hervorragender Indikator für Erfolg und ein Zeichen dafür, die neuen Medien sinnvoll in den Arbeitsalltag integriert zu haben.

Der VW-Konzern lässt seine Beschäftigten nach Feierabend wirklich in Ruhe. Eine halbe Stunde nach Arbeitsende werden die Weiterleitungen vom E-Mail-Server auf die Handys der Beschäftigten abgeschaltet, eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn am nächsten Tag werden die Server dann wieder eingeschaltet.

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